Ich Idiot! Ich Idiot! Ich Idiot, ich Idiot, ich Idiot ich Idiot.

Ich weiß nicht, ob ich es bereits erwähnt habe, aber: A. ist verheiratet.

Daraus, dass ich mich trotzdem in ihn verliebt habe, so denke ich, kann mir niemand einen Vorwurf machen. Daraus, dass ich mich dennoch mit ihm treffe, mit ihm schlafe, wohl schon. Ab und zu meldet sich mein schlechtes Gewissen. Es appelliert an Solidarität unter Frauen, an Moral. Daran, wie sehr ich Lügen hasse. Mit den Menschen, die mir wichtig sind, spiele ich mit offenen Karten. Die Menschen in deren Umfeld sind nicht meine Angelegenheit. Was zwischen A. und seiner Frau ist, ist nicht meine Baustelle. Es entzieht sich meinem Einfluss. Es geht mich nichts an. Oder?

Es ist halb fünf Uhr morgens, ich kann nicht schlafen. Plötzlich vibriert mein Handy, eine Nachricht von A. Etwas wie „guten Morgen, ach, du schläfst sicher noch“. Ich Idiot antworte. Zwei Zeilen. 4 Worte. Nein. Tue ich nicht.

Ich blicke auf das Telefon in meiner Hand. Hatte ich das gerade wirklich getan? Keine Nachrichten, wenn er zu Hause ist! Ich starre auf das Display. Es kommt keine Antwort mehr. „Er ist sicher wieder eingeschlafen“, versuche ich mich zu beruhigen. „Und was ist, wenn seine Frau es liest?“ Dann könnte er behaupten, er habe einem Arbeitskollegen geschrieben. Nachts? Um halb fünf? Naja, besser als die Wahrheit zu sagen!

Moment. Nichts ist besser als die Wahrheit. Wir hatten schon einmal kurz darüber gesprochen. „Sag es ihr doch einfach“, hatte ich gesagt. „Wenn ich will, dass sie die Scheidung einreicht, dann ja.“, hatte er geantwortet.

Aus einer monogamen Perspektive verstand ich seine Antwort. Verstand ich auch die Reaktion, die seine Frau wahrscheinlich zeigen würde, wenn sie erfuhr, dass wir miteinander Sex hatten. Ich will ihn ihr nicht wegnehmen. Ich suche keinen Vater für meine Kinder. Niemanden, der mich ernährt. Ich habe einen Mann, mit dem ich glücklich bin.

Vielleicht war es eine Falle? Hatte er vergessen meine Nummer zu löschen, wie er es jeden Tag tat, wenn er die Firma verließ? Oder wollte er wohlmöglich, dass ich ihm mitten in der Nacht antwortete? Wollte er, dass seine Frau es bemerkte? Und dann? Wollte er es ihr sagen? Wollte er das zwischen uns beenden? Bevor es richtig begonnen hat? Oder hatte er einfach auch nicht schlafen können, lag er auch wach und wollte mich wissen lassen, dass er an mich denkt?

Alles wäre um so vieles einfacher, wenn er es ihr sagen könnte. „Du, ich habe da jemanden kennen gelernt…“.

Denn eigentlich wollte ich auch mehr. Ja, der Sex war gut. Ja, die Blicke, die wir uns in der Arbeit zuwarfen taten gut. Ja, es entwickelten sich, zumindest meinerseits immer stärkere Gefühle. Dennoch. Ich kannte ihn schließlich kaum. Gerne würde ich genau das ändern. Gerne hätte ich mich irgendwo an einem Samstagnachmittag mit ihm auf einen Kaffee getroffen. Oder auf ein Bier nach Feierabend. Dienstags. Einen Abend auf dem Sofa verbringen, Popcorn essen, einen Film sehen. All diese Dinge würden mir ohnehin versagt bleiben. Kinder und Familie gehen vor. Bleibt also sowieso nur der Sex. Da Männer davon meist nicht genug bekommen können, kann A.s Frau eigentlich dankbar sein, dass ich ihr ein wenig unter die Arme greife.

Meine Poly-Grundsätze besagen, immer bei der Wahrheit zu bleiben. Alle „Partner“ wissen von der Existenz der anderen. Und weiter? Geht es mich denn wirklich nichts an? Was ich da tue, kommt mir heute Nacht sehr schäbig vor. Ich sehe keinen Ausweg aus dieser Zwickmühle. Zwinge ich ihn, es ihr zu sagen, wird er mir den Vogel zeigen. Und sich jemand anderes suchen. Zum Vögeln. Oder zustimmen. Und dann? Wird sie ihn verlassen? Er sie? Werden sie zusammen bleiben? Will er mich dann  noch sehen? Darf er mich dann noch treffen?

Kann nicht einfach alles so bleiben, wie es ist? Vielleicht könnte ich seiner Frau erklären, worum es mir geht. Ich mag ihren Mann. Ich finde ihn sexy, er bringt mich zum Lachen. Und er gibt mir ein gutes Gefühl. Mehr will ich nicht. Ich will, dass alles so bleibt wie es ist. Und dass sich alles ändert. Kein Lügen mehr.

Keine Antwort. Von ihm. Seit 2 Stunden und 17 Minuten. Keine Antwort. Sollte noch eine kommen, dann später. Mein Zeitfenster beginnt erst um halb neun. 102 Minuten bis dahin. 101. Wenn er sich meldet. 100 Minuten, genug Zeit um sich weiterhin den Kopf zu zerbrechen.

Ich Idiot!

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