Das alte Jahr ging für mich mit einem großen Knall zu Ende.

„Ich habe es meiner Frau erzählt. Das mit uns funktioniert nicht. Ich liebe meine Frau und ich bleibe bei meiner Frau.“

Die Nachricht traf mich wie ein Schlag mit der Faust direkt in die Magengrube. A. hatte sie mir auf die Voicebox gesprochen. Ich zitterte. Und verstand die Welt nicht mehr. Einige Stunden zuvor hatte er mir noch „ich liebe dich“ geschrieben und mir gesagt, wie sehr er sich auf das nächste Treffen mit mir freute.

In den kommenden Tagen ließ ich Gemeinheiten seitens seiner Frau über mich ergehen. Sie schrieb eine hasserfüllte Nachricht nach der anderen, warf mir vor ihre Familie zerstört zu haben. Ich versuchte es zu erklären. Sie verstand es nicht. Wenn wir so leben wollen, bitte, aber wir sollen uns bitte Gleichgesinnte suchen. Gleichgesinnte? Wir leben in Deutschland, mittlerweile im Jahr 2017. Und lassen uns immernoch vorschreiben, in wen wir uns verlieben dürfen? Nur in Gleichgesinnte? Das verstand ich nicht. Menschen sind Menschen, wieso stand mir ihrer Meinung nach nicht zu, ihn gern haben zu dürfen?

Wiederum einige Tage später musste ich mir von A. anhören, dass er mir nur gesagt hatte, dass er mich liebt, um mich ins Bett zu bekommen. Es ging ihm wirklich nur um den Sex. Verliebt war er nicht. Von Liebe konnte auch keine Rede sein. Er fand mich nicht einmal attraktiv.

Das alles machte mich unsagbar traurig. Im Bett hatte er mich lange bevor er mit der Gefühlsduselei anfing. Und natürlich hätte ich auch weiterhin mit ihm geschlafen, vollkommen egal, ob er mich mochte oder nicht. Mir ging es gut, wenn ich mit ihm zusammen war. Alles andere zählte nicht.

Das mag so klingen, als wären die Ansprüche an die Menschen, mit denen ich meine Zeit verbrachte äußerst gering. Nein, so ist es ganz und gar nicht. Ich habe nur mit der Zeit verinnerlicht, dass ich mein Umfeld nicht ändern kann. Was andere Leute mir sagen, wie sie sich mir gegenüber verhalten, ist deren Sache. Und wenn er mich belogen hatte, was seine Gefühle mir gegenüber anging, so sagte das etwas über ihn aus. Nicht über mich. Das, was ich ihm gegenüber empfinde, war immer ehrlich und aufrichtig. Daran ändern auch seine harten Worte nichts. Objektiv betrachtet mag er ein feiger Scheißkerl (verzeiht bitte meine Ausdrucksweise) sein, subjektiv jedoch finde ich ihn trotzdem nach wie vor hinreißend. 

Dass er mich nicht attraktiv fand, machte die allerdings Sache für ihn nicht unbedingt besser. Wie verzweifelt musste man als Mann sein, um jemanden flach zu legen, den man nicht anziehend fand?

Natürlich hatte ich trotzdem an dem zu knabbern, was er gesagt hatte. Nicht unbedingt deshalb, weil er mich vermeintlich belogen hatte. Sondern, weil das Wort „Liebe“ aus seinem Mund plötzlich wie ein Schimpfwort klang. In jemanden verliebt zu sein, hörte sich auf einmal wie eine Beleidigung an. Ich fühlte mich wieder wie 13. Damals hatten wir auf bei einer Geburtstagsfeier (es waren nur Mädchen anwesend) „Wahrheit oder Pflicht“ gespielt. Ich wurde gefragt, ob ich in einen bestimmten Jungen verliebt sei. Und obwohl jede die Antwort kannte, log ich und sagte „nein“. Weil ich mich meiner Gefühle schämte. Zur Strafe ließen sie mich bei einem anderen Jungen an der Tür klingeln, ihn als „Arschloch“ beschimpfen und weglaufen. Ähnlich pubertär mutete auch die Situation mit A. und seiner Frau an. 

Offenbar war die Tatsache, dass ihr Mann und ich miteinander geschlafen hatten nicht das größte Problem für A.s Frau.  Der Gedanke, dass ihr Mann sich in mich verliebt haben könnte, machte ihr wohl am meisten zu schaffen. Als ob das automatisch hieße, dass er deshalb nicht mehr dazu in der Lage war, sie zu lieben.

Immer wieder versuche ich es in solchen Situationen mit dem Kinder-Vergleich. Niemand, der mehr als ein Kind hat wird sagen, nicht alle seine Kinder zu lieben. Niemand, der ein Kind hat und sich ein zweites wünscht, wird sagen, dass das zweite Kind her soll, weil das erste nicht mehr geliebt wird. „Das ist doch etwas ganz anderes“, höre ich die Menschen dann sagen. „Ist es eben nicht“ antworte ich. Ist es eben nicht. Liebe ist Liebe, Gefühle sind Gefühle. Und die sind nunmal wie sie sind.

Wahrscheinlich brauchten wir einander einfach. Ich brauchte die Ablenkung von B., brauchte das Gefühl lebendig zu sein. Das Abenteuer, etwas Unvernünftiges zu tun. Und er brauchte jemanden, der ihn wahrnahm. Jemanden der da war, der ihn anhimmelte, der ihm das Gefühl von Unabhängigkeit und Jugend schenkte. Und für eine kurze Zeit konnten wir einander genau das geben. Und auch wenn es ein nicht allzu schönes Ende nahm, so denke ich dennoch voll Dankbarkeit auf die gemeinsamen Stunden zurück.

Derzeit brauchten die beiden mich offenbar immernoch. Sie hatten mich als nunmehr gemeinsames Feindbild auserkoren und zögerten nicht, verbal auf mich einzuprügeln. A.s Frau war auf diesen Blog gestoßen, er schrieb mich an und forderte die Löschung der Texte, die mit ihm zu tun haben. Ein erneutes Paradoxon. Schließlich fühlte es sich für mich so an, als kämen ihnen meine Worte gerade recht. Gemeinsame Feinde schweißen zusammen. In mir hatten sie ein dankbares Opfer gefunden, auf dem sie schonungslos herumhacken konnten, um sich von den eigentlichen Problemen in ihrer Ehe abzulenken. Die schon bestanden, lange bevor ich in ihr Leben trat. Und die nur schlimmer werden können, wenn die beiden sich nun auf negative Emotionen wie Wut und Hass (mir oder wem auch sonst gegenüber) konzentrieren.

Sicherlich habe ich es den beiden nicht einfacher gemacht. Mit meinen Predigten über die freie Liebe, so fürchte ich, habe ich A. einen ziemlich großen Floh ins Ohr gesetzt. Ich vermute, die Polyamorie scheint ihm als echte Alternative zum monogamen Ehe-Käfig durchaus schmackhaft vorgekommen zu sein.

Und manchmal vergesse ich bei meiner Begeisterung leider, dass der Weg, den mein Mann und ich gehen, nicht für alle etwas ist. Ich versuche mit in Zukunft ein wenig zurück zu halten. Dennoch werde ich hier keine Texte löschen. Ich möchte weiter kämpfen. Für die Akzeptanz unserer Lebensform. Eine Lebensform, die die Liebe, mit all ihren Facetten feiert.

Natürlich wird es noch eine Weile seltsam sein A. in der Arbeit zu begegnen. Aber seltsam war es vorher auch. Einige Male musste ich dem Impuls widerstehen, nicht vor allen Kollegen über ihn herzufallen. Manchmal wünsche ich mir immernoch er würde sich zu mir an den Schreibtisch stellen und mich einfach küssen. Dass das nie der Fall sein wird, weiß ich natürlich selbst. Derzeit „darf“ er nicht einmal arbeiten gehen. Um zu Hause zu demonstrieren, wie sehr er jetzt für seine Frau und seine Kinder da sein möchte. Er ist also wieder zurück in seinem Gefängnis.

Und ich? Ich bin frei! Frei das Leben mit meinem Mann so zu gestalten, wie wir es möchten. Frei neue Menschen kennen zu lernen. Frei zu leben. Und zu lieben. Neues Jahr, neues Glück!

Ich wünsche euch allen von ganzem Herzen ein wundervolles 2017, mit jeder Menge Lachen, Leben und Liebe.

 

 

 

 

 

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