„Was ist mit D.?“

Eine Frage, die ich mir unweigerlich in den letzten Tagen selbst häufig gestellt hatte, war nun ausgesprochen.

„Ich weiß es nicht,“ antworte ich wahrheitsgemäß und gerate erneut ins Grübeln.

„Der ist älter als dein Vater,“ sagt mein Mann und erntet dafür böse Blicke.

„Und? Ist das jetzt das Problem?“ kontere ich eingeschnappt.

Nein, das Problem war, dass ich es selbst nicht einschätzen konnte. Was zwischen uns war. Ist. Ich hatte D. vor einigen Wochen im Internet kennen gelernt. Ich hatte auf irgendeiner Plattform einen Satz geschrieben. Darüber, dass ich ein Buch schreiben wollte. Er meldete sich bei mir und hakte nach. Wir schrieben. Stundenlang. Nachricht um Nachricht. Über Gott und die Welt. Auch anzüglich. Sein letzter Satz war „schreib dein Buch, das wird sicher gut!“.

Danach hörte ich gute eine Woche lang nichts mehr von D. Es war beinahe wie ein kleiner schriftlicher One Night Stand gewesen. Ich war diejenige, die sich als erstes wieder bei ihm meldete. Und kam mir dumm vor. Zu meinem Erstaunen antwortete er. Kurz. Einige Tage später ausführlicher. Mittlerweile schrieben wir beinahe täglich. Manchmal nur wenige Sätze. Häufiger auch mehr. Einmal hatten wir Cybersex. Korrigiere. Zwei Mal. Und es war gut. Ich schrieb meist nichts, las nur, was er tippte. Beschäftigt mit meinem Körper und dem Kino in meinem Kopf. Eine perfekte Mischung. Schlüpfrig genug um mich zu erregen, aber mit Niveau, so dass ich mir nicht billig vorkam. Ich begann zu überlegen, ob mich dieser Mann auch sexuell ansprach. Zuvor war mein Interesse eher anderer Art gewesen. Freundschaftlich, kumpelhaft. Er wusste oft einen Rat. Hörte mir zu, ohne zu urteilen. Ich hatte ihm vom „Konzept“ der Polyamorie berichtet, ihm einiges anvertraut, was mir in den letzten Monaten widerfahren war. Vieles verstand er nicht. Vieles verstand ich selbst auch nicht. Dennoch zeigte D. Verständnis.

„Wo arbeitet D. noch gleich?“, hakte mein Mann abermals nach. Ich nannte ihm den Namen einer bekannten Firma. „Was macht er da?“, fragte er weiter. Ich wusste keine Antwort. „Management?“ Es klang beinahe eifersüchtig. „Du weißt doch, dass mir das alles nichts sagt“, entgegnete ich ziemlich genervt.

„Also hat er Geld?“ überspannte er den Bogen schließlich. Damit war mir die Lust auf ein vernünftiges Gespräch vergangen.

Wieso glaubte mein eigener Mann, der mich besser kannte, als jeder andere Mensch auf dieser Welt, plötzlich, dass mir solche Details wichtig waren?

„Keine Ahnung, wir sprechen nicht über so etwas.“

„Worüber sprecht ihr dann?“

„So einiges.“

Sein Verhör fand kein Ende.

„Baggert er?“

„Nein.“

„Baggerst du?“

„Äh, nein!“

„So wie du grinst lautet die eigentliche Antwort auf beide Fragen ja!“

Eigentlich hatte er damit Recht. Ich war jedoch nicht in der Stimmung ihm diesen Triumph zu gönnen. Und spielte daher die beleidigte Leberwurst. Und ja, ich fühlte mich angegriffen. In die Ecke gedrängt. Seit Tagen versuchten mein Mann und unsere Freundin mir Gefühle für den ein oder anderen Mann einzureden. Romantische Gefühle. Ich selbst konnte das Gewirr in meinem Kopf und meinem Herzen kaum auseinander dröseln. Im Bezug auf A., im Bezug auf D., im Bezug darauf, was ich wollte. Welchen Stellenwert diese Männer in meinem Leben hatten. Was ich erwartete. Von neuen Beziehungen. Wie auch immer geartet.  Ob mir Freundschaft reichte. Ob mir nur Sex reichte. All das wusste ich nicht zu beantworten. Wollte es auch nicht. Ich wollte frei sein. Zum ersten Mal seit 2 Jahren wollte ich einfach zulassen, dass die Dinge sich entwickelten. In welche Richtung auch immer. Wollte nichts mehr definieren, zerreden, zerdenken. Einfach nur sein. Und sehen was geschieht.

„Was ist mit ihm?“, frage ich mich selbst also ein letztes Mal und antworte: „Ich weiß es nicht. Und das ist gut so.“

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